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15. Juli 2025

Sichtbarkeit ist selten das eigentliche Thema

Warum viele Juristinnen glauben, sichtbarer werden zu müssen – obwohl ihr eigentliches Thema oft ein anderes ist

Text im Bild: Do something great
Manchmal beginnt es mit einer ganz alltäglichen Situation.
Ein Meeting, in dem plötzlich erwartet wird, dass du die Richtung vorgibst. Ein Mandant, der sich in der Diskussion direkt an dich wendet, obwohl du formal noch nicht die Verantwortung für das Mandat trägst. Oder ein Gespräch über die nächsten Jahre in der Kanzlei, das mit einem Satz endet wie: „Du musst dich einfach noch ein bisschen sichtbarer machen.“
Der Satz klingt zunächst plausibel. Und dennoch bleibt danach manchmal ein Gedanke zurück, der einen noch eine Weile begleitet – vielleicht erst am Abend, wenn der Arbeitstag langsam ausklingt und endlich ein Moment entsteht, um kurz innezuhalten.
Was genau bedeutet eigentlich, sichtbarer werden?
Und noch wichtiger:Ist das wirklich mein Thema?

Wenn fachlich eigentlich alles stimmt

Viele Juristinnen erreichen irgendwann einen Punkt, an dem fachlich kaum noch Zweifel bestehen. Die Mandate sind anspruchsvoll, die Verantwortung wächst, und die eigene Arbeit wird geschätzt.
Gerade deshalb wirkt es zunächst irritierend, wenn sich gleichzeitig ein Gefühl einstellt, dass der nächste Schritt weniger klar ist als erwartet.
Es gibt keinen offensichtlichen Konflikt. Kein dramatisches Ereignis. Und doch entsteht der Eindruck, dass sich etwas verschoben hat.
Vielleicht fällt auf, dass andere sich im Meeting selbstverständlich positionieren, während man selbst noch überlegt, ob der richtige Moment dafür schon gekommen ist. Vielleicht hallt ein Gespräch mit einem Partner länger nach als gedacht. Oder man merkt, dass ein Satz wie „Du musst dich sichtbarer machen“ zwar logisch klingt – aber gleichzeitig keine wirkliche Antwort liefert.

Wenn Sichtbarkeit zur schnellen Erklärung wird

Im juristischen Umfeld ist Sichtbarkeit ein naheliegendes Konzept. Wer stärker wahrgenommen wird, erhält häufig auch mehr Einfluss auf Mandate, Entscheidungen und Entwicklungen.
Deshalb liegt der Gedanke nahe, an genau dieser Stelle anzusetzen: mehr Netzwerken, mehr Präsenz zeigen, sich stärker positionieren.
All das kann sinnvoll sein.
Und dennoch zeigt sich in Gesprächen mit Juristinnen häufig etwas anderes. Beziehungsweise mehr.
Sichtbarkeit ist oft nicht das eigentliche Thema, sondern nur eine Maßnahme. Die naheliegende Erklärung für ein Gefühl, das sich zunächst schwerer greifen lässt.
Denn hinter dem Wunsch nach mehr Sichtbarkeit steht häufig eine ganz andere Frage:Welche Rolle habe ich hier eigentlich wirklich – und welche Rolle möchte ich künftig einnehmen?Denn Sichtbarkeit allein verstärkt in erster Linie das, was bereits vorhanden ist.
Wenn die eigene Rolle im System innerlich noch nicht ganz klar ist, führt mehr Sichtbarkeit nicht automatisch zu mehr Klarheit – sondern manchmal einfach zu mehr Druck.
Wenn strukturiertes Denken nicht alles erklärt
Viele Juristinnen sind es gewohnt, berufliche Entwicklung sehr strukturiert zu betrachten. Karriere wird häufig fast wie ein Mandat oder ein Projekt behandelt: analytisch durchdacht, strategisch geplant und konsequent umgesetzt.
Diese Fähigkeit ist eine enorme Stärke. Sie ermöglicht es, komplexe Situationen zu strukturieren, Prioritäten zu setzen und auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben.
Gleichzeitig zeigt sich in Gesprächen mit Juristinnen häufig eine interessante Nebenwirkung dieser Denkweise.Irritierende Situationen im Arbeitsalltag werden zunächst nicht unbedingt als relevante Signale verstanden, sondern eher als etwas, das man möglichst schnell wieder rational einordnen möchte.
Gedanken wie
So ist das eben.“ „Das darf mich eigentlich nicht tangieren.“ „Andere kommen damit schließlich auch klar.“
sind vielen vertraut.
Gerade deshalb bleiben manche Fragen länger unter der Oberfläche, als sie eigentlich müssten.Denn nicht jede Irritation ist ein Problem, das gelöst werden muss. Manchmal ist sie ein Hinweis darauf, dass sich die eigene Rolle im System verändert – oder verändern möchte.
Die eigentliche Frage entsteht oft später.
Die entscheidenden Fragen entstehen deshalb häufig nicht im Meeting oder im Gespräch mit der Kanzleiführung, sondern erst später.Vielleicht am Abend, wenn der Tag noch einmal gedanklich vorbeizieht.
Warum beschäftigt mich dieses Gespräch eigentlich noch? Warum hat mich diese Situation im Meeting so irritiert? Und was genau möchte ich eigentlich anders gestalten?
Spätestens hier zeigt sich häufig, dass es weniger um Sichtbarkeit geht – und mehr um die eigene Rolle.
Welche Verantwortung möchte ich tatsächlich übernehmen? Wie möchte ich Entscheidungen treffen?Welche Art von Führung entspricht mir? Und vor allem: Welche Handlungsspielräume habe ich im bestehenden System eigentlich wirklich?
Realität, Reflexion und Handlungsspielraum
Genau an diesem Punkt beginnt häufig die eigentliche Entwicklungsarbeit.Nicht mit einer neuen Strategie und auch nicht mit einer Liste von Maßnahmen.
Sondern mit einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Situation: mit den realen Strukturen der Kanzlei, den Erwartungen im Umfeld und den eigenen Mustern im Umgang mit Verantwortung und Konflikten.
Viele Juristinnen sind sehr gut darin, komplexe Situationen analytisch zu durchdringen. Sie reflektieren, wägen Optionen ab und versuchen, ihre Rolle möglichst präzise zu verstehen.
Was dabei jedoch häufig fehlt, ist ein Raum, in dem diese Reflexion nicht nur im eigenen Kopf stattfindet.Ein Raum, in dem Gedanken ausgesprochen werden können, bevor sie bereits zu einer Entscheidung führen müssen.
In dem auch Widersprüche sichtbar werden dürfen – zwischen dem, was logisch erscheint, und dem, was sich innerlich noch nicht stimmig anfühlt. Ein Raum, in dem sichtbar wird, welche Handlungsmöglichkeiten tatsächlich bestehen – und welche davon bisher vielleicht einfach noch nicht genutzt wurden.
Denn Veränderung entsteht selten dadurch, dass man sich noch mehr anstrengt. Häufig entsteht sie in dem Moment, in dem klarer wird, welche Handlungsmöglichkeiten tatsächlich bestehen.
Der nächste Schritt beginnt selten mit einer Maßnahme.
Wenn diese Klarheit entsteht, verändern sich häufig auch konkrete Situationen im Alltag.
Gespräche werden früher geführt.Positionen werden klarer benannt.Entscheidungen fühlen sich weniger wie Reaktionen an – und mehr wie bewusste Gestaltung.
Nicht, weil plötzlich neue Techniken angewendet werden.Sondern weil das eigene Handeln aus einer anderen inneren Position heraus erfolgt.
Und genau hier zeigt sich häufig, dass Sichtbarkeit nicht das eigentliche Thema war – sondern nur der erste Hinweis darauf, dass sich etwas in der eigenen Rolle verändern möchte.
Gerade dann, wenn der nächste Karriereschritt Richtung Partnerschaft führt, werden diese Fragen besonders deutlich. Denn mit zunehmender Verantwortung verändert sich nicht nur die Position in der Kanzlei, sondern auch die eigene Rolle im System.
In einem weiteren Beitrag gehe ich deshalb der Frage nach, warum viele Juristinnen gerade an diesem Punkt feststellen, dass fachliche Exzellenz allein nicht mehr ausreicht – und welche inneren Spannungsfelder dabei entstehen können.

Fazit: Sichtbarkeit verstärkt in erster Linie das, was bereits vorhanden ist.

Und du darfst entscheiden, für was du wahrgenommen werden möchtest.

Viele Juristinnen hören irgendwann den Satz:„Du musst dich einfach noch etwas sichtbarer machen.“Manchmal stimmt das.Manchmal ist Sichtbarkeit aber nicht das eigentliche Thema.Denn wenn die eigene Rolle im System noch nicht ganz klar ist, verstärkt Sichtbarkeit vor allem eines: den inneren Druck.Die spannendere Frage lautet deshalb oft nicht:Wie werde ich sichtbarer?Sondern:Welche Rolle möchte ich hier eigentlich einnehmen?
Christiane Starke
Lust auf mehr Klarheit und Gestaltungskraft?
Wenn du spürst, dass es Zeit ist, dich nicht mehr nur funktionierend durchzubeißen, sondern deinen Arbeitsalltag bewusster zu gestalten, begleite ich dich gern.